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Irmhild Barend—Warum ich als Deutsche das jüdische Volk liebe

Liebe beginnt oft mit einer Entdeckung. Wir entdecken jemanden, von dem wir uns zutiefst angezogen fühlen und der dann unsere Hingabe inspiriert. Meine Liebe für meine jüdischen Brüder und Schwestern begann mit einer Entdeckung – mit einer Entdeckung und mit einem freien Stuhl.”

Vorsichtig balancierte ich das Tablett in den Händen und versuchte verzweifelt zu verhindern, dass sich das darauf befindliche Essen über die Köpfe der Leute ergoss, die sich bereits gesetzt hatten und zu Mittag aßen. Der Konferenz-Speisesaal war angefüllt mit dem Geplauder von Hunderten Teilnehmern aus aller Welt, die sich in verschiedenen Sprachen miteinander unterhielten. Ich gehörte zu mehreren Leuten, die noch einen freien Platz suchten.

Wie erleichtert war ich, endlich einen zu erspähen! Ich ließ mich dankbar auf diesen Stuhl sinken. Als ich mein Tablett abstellte, wurde ich von einer Frau herzlich auf Deutsch begrüßt: “Jetzt solltest du dir aber mit dem Essen wirklich Zeit lassen.”

Ich wandte mich meiner neuen Nachbarin zu, die mich aus zwei freundlichen, braunen Augen anblickte. Wir begannen zu plaudern, und ich fühlte mich, als habe sie mich schon seit meiner Kindheit gekannt. Hansi strahlte eine mütterliche Liebe aus, die mir ein Gefühl der Sicherheit vermittelte, und ich fasste sofort Vertrauen zu ihr.

Sie erzählte, dass sie Bücher schreibe; eines davon gäbe es auch auf Deutsch. Allerdings verriet sie mir nichts über den Inhalt dieses Buches. Sie meinte nur: “Kindele, du kannst es in jeder Buchhandlung bestellen, mein Liebes.”

Als ich nach Deutschland heimkam, las ich dann ihr Buch. Wie sich herausstellte, war es ihre ganz persönliche Geschichte davon, wie sie den Holocaust überlebt hatte. Ich weinte, als ich las, wie die Nazis ihre ganze Familie in Gaskammern geworfen hatten. Sie war die einzige Überlebende.

Als ich weiterlas, erinnerte ich mich an das wohlwollende und freundliche Verhalten der Frau, die ich dort im Speisesaal kennen gelernt hatte. Wie kam es nur, dass Hansis Erlebnisse sie nicht verbittert und rachsüchtig gegen die Mörder ihrer Familie gemacht hatten – oder auch nur gegen jemanden wie mich als Deutsche?

Hansis Buch schilderte die vielen Menschen, die ihr Leben riskiert hatten, um sie zu retten. Der Mann, der die Verstecke für sie koordinierte, glaubte an Jeschua; und aufgrund seiner Liebe zu Gottes auserwähltem Volk war er bereit, jegliche Konsequenzen seiner Taten zu tragen. Letzten Endes kostete ihn seine Liebe zu den Juden das Leben. Als die Nazis seine Rolle beim Verstecken von Juden herausfanden, wurde er erschossen.

Meine Freundin sah die Liebe Jeschuas im Leben dieses Mannes. Aufgrund seines Opfers fing sie an, die Bibel zu lesen; dort erfuhr sie, dass Jeschua der verheißene Messias ist und sein Leben auch für sie hingegeben hatte.

Durch die Entdeckung der überwältigenden Liebe Jeschuas zu ihr konnte Hansi auch ihre Bitterkeit gegenüber den Deutschen loslassen. Diese selbe Liebe verlieh ihr auch die Kraft, den Nazis zu verzeihen, was sie ihr und ihrer Familie angetan hatten.

Hansis Geschichte hatte mich getroffen; ich konnte sie einfach nicht mehr vergessen. Ich glaubte bereits, dass Jeschua der Sohn Gottes ist und dass er ein Jude war. Jetzt erkannte ich plötzlich: Durch Jeschua, den jüdischen Messias, hatte ich einen Platz in der jüdischen Familie. Ich war tatsächlich ein adoptiertes Familienmitglied.

Das möchte ich erklären: Der Römerbrief beschreibt das jüdische Volk als Wurzel und Zweige eines Ölbaums. Paulus wendet sich an nichtjüdische Gläubige an Jeschua und schreibt:

“Wenn aber […] du als ein wilder Ölzweig unter sie [die anderen Zweige] eingepfropft bist und mit Anteil bekommen hast an der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaums, so überhebe dich nicht gegen die Zweige! Überhebst du dich aber, so bedenke: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich” (Römer 11,17-18).

Jene gojim (Nichtjuden), die an den jüdischen Messias Jeschua glauben, werden von Gott in den Ölbaum eingepfropft. Und diese eingepfropften Zweige wachsen gemeinsam mit den natürlichen Zweigen des Baumes. Die Wurzeln und die nährende Fettigkeit des Ölbaumes tragen die eingepfropften Zweige; und diese identifizieren sich mit dem Baum.

Somit war die Verbundenheit, die ich mit Hansi empfand, vollkommen natürlich. Und trotzdem empfand auch ich das Verlangen nach Vergebung. Ich wurde von meinem Erbe als Deutsche verfolgt. Ein Wahnsinniger aus meinem Land hatte Millionen von Menschen ausgelöscht, die Gott doch als seinen Augapfel bezeichnet. Hitler hatte gedroht, die Wurzel des Ölbaums zu vernichten. Wie konnte ich mich für meine deutsche Geschichte entschuldigen? Musste ich mich denn nicht schuldig fühlen?

Es trieb mich auf die Seiten der Bibel zurück. Ich erkannte: Nur Jeschua konnte die Vergebung gewähren, die ich brauchte. Im Leben meiner wunderbaren neuen Freundin hatte er die Fluten der Liebe freigesetzt, und in mir hatte er dasselbe getan. Weil Jeschua alle unsere Sünden vergeben hatte, waren Hansi als Jüdin und ich als Deutsche nun in Liebe miteinander verbunden. Wir gehörten zusammen. Sie hört nicht auf, jüdisch zu sein; ich höre nicht auf, deutsch zu sein; aber wir teilen eine Verbindung, die uns in gewissem Sinne zu Schwestern macht.

Ich habe entdeckt, dass es nur recht und billig ist, wenn ich alle meine jüdischen Brüder und Schwestern liebe. Wie es der Mann erkannt hatte, der Hansi rettete: Gott liebt sein auserwähltes Volk. Das sollte auch ich tun. Das Neue Testament sagt ganz klar und deutlich, dass Gott alle seine Verheißungen an die Juden erfüllen wird. Als Nichtjude danke ich Gott für die Juden; aus ihnen wurde der Messias Jeschua geboren, durch den ich eine Beziehung zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs geerbt habe.

Als deutsche Gläubige an Jeschua liebe ich das jüdische Volk dafür, dass ich einen Platz im Ölbaum und einen freien Stuhl neben ihnen haben darf.