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Jonathan Bernd – Sohn von Hans Bernd

Mein Vater Hans Bernd war zehn Jahre alt, als er 1939 mit einem der letzten Kindertransport-Züge aus Deutschland floh und nach England gelangte. Seine Schwester war kurz vor ihm aufgebrochen. Er musste die Reise nach England ganz allein antreten und seine Eltern zurücklassen. Sie wurden in Auschwitz getötet. Mehrere andere Verwandte wurden ebenfalls in Konzentrationslager gebracht. An vielen von ihnen wurden sadistische Experimente durchgeführt, und die meisten von ihnen starben. Meine Großtante ist die älteste noch lebende Zeitzeugin der berüchtigten „Seefahrt der Verdammten“ auf der St. Louis. Alle waren sie durch ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg traumatisiert, und ihre Probleme und Kämpfe wirkten sich auch auf mich aus.

Als kleiner Junge konnte ich den Holocaust nicht so recht verstehen. Ich wusste nur, dass Hitler meine Großeltern umgebracht hatte. Ich wusste, dass wir jüdisch waren. Ich wusste auch: Als mein Vater ungefähr in meinem Alter war, wurde er (einzig und allein aufgrund seiner jüdischen Herkunft) zusammengeschlagen – sogar von einigen seiner Lehrer. Ich träumte immer davon, ein Held der Untergrundbewegung zu sein, der alle retten würde, sollte sich der Holocaust wiederholen.

Als ich etwas älter war, merkte ich, dass mein Vater seine Gefühle nicht so offen ausdrückte wie viele andere. Ich weiß noch, wie meine Mutter mir das zu erklären versuchte: Als Vater ein kleiner Junge war, hatte er gelernt, seine Gefühle zu verbergen. Er hatte herausgefunden, dass seine Verfolger in Deutschland weniger aggressiv waren, wenn er erst gar nicht auf ihre Tätlichkeiten gegen ihn reagierte.

Als Teenager im Prozess der „Selbstfindung“ erkannte ich: Ein Großteil meiner persönlichen Unsicherheit ließ sich direkt auf die Tatsache zurückführen, dass ich das Kind eines Holocaust-Überlebenden war. Ich war sehr wütend auf die Deutschen für das, was sie meiner Familie angetan hatten. Einige meiner überlebenden Verwandten fassten den Entschluss, in Deutschland zu bleiben, und darum war ich ziemlich häufig dort. Aber immer noch hegte ich Zorn und Groll auf das deutsche Volk.

Vater kam noch vor meiner Geburt zu dem Glauben, dass Jesus der Messias ist. In seinem Glauben fand er tatsächlich die Fähigkeit, den Nazis das zu vergeben, was sie unserer Familie angetan hatten. Als ich 22 Jahre alt war, gelangte ich zu derselben Überzeugung wie mein Vater. Ich erkannte: Gott hatte mir vergeben, dass ich ihn ignoriert hatte, dass ich mein Leben auf eigene Faust meistern wollte, und noch so viel anderes mehr. Jetzt war es an mir, anderen zu vergeben – darunter auch den Deutschen. Ihnen zu vergeben, das war für mich eine monumentale Herausforderung; und nein, das passierte nicht über Nacht. Es war ein Prozess; aber ich bin dankbar für die Heilung, die stattgefunden hat. Wenn ich Deutschland heute besuche, geschieht das ohne diese Bitterkeit.

„Vergeben“ heißt nicht „vergessen“. Ich halte es für wichtig, sich an den Holocaust zu erinnern und daran zu gedenken; denn viel zu viele Menschen wollen so tun, als habe es ihn gar nicht gegeben oder als sei er doch gar nicht so schlimm gewesen. Wir müssen damit konfrontiert werden, was aus uns werden kann, wenn wir Gott ignorieren.

Die Welt sollte vom Holocaust eine Lektion lernen: Es ist ein absolutes Muss, unsere Stimme für das zu erheben, was richtig ist. Das Schweigen der Welt während des Holocaust hat meine Verwandten umgebracht. Genau dieses Verbrechen des Schweigens würde ich in gleicher Weise wiederholen, wenn ich nicht Folgendes ausspräche: Der einzige Weg zur Heilung der Traumata und Verletzungen des Holocaust liegt in der Versöhnung mit Gott, die nur durch Jesus geschieht. Und auch, wenn es beinahe unvorstellbar ist – ohne den Messias ist das Schicksal, das uns alle am Ende unseres Lebens erwartet, noch viel schlimmer als der Holocaust. Gott vergebe uns, wenn wir das für uns behalten wollten!