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Mark Landrum—Sohn von Flora Landrum

Meine Mutter Flora kam gegen Ende des Holocaust zur Welt. Ihre Familie lebte in Nordgriechenland, mitten in einer blühenden jüdischen Gemeinde. Ihr Vater gehörte zur griechischen Widerstandsbewegung im Untergrund. Als die Nazis der jüdischen Gemeinde mitteilten, man würde sie am Leben lassen, wenn sie nur kooperierten, glaubte er ihnen nicht. Stattdessen beschloss er, seine Familie zu verstecken. Für einen Teil des Krieges fanden sie einen Schlupfwinkel bei einem griechisch-orthodoxen Priester. Den Rest der Zeit verbargen sie sich in den Wäldern. Es gab nicht einmal annähernd genug Nahrung für die ganze Familie. Einige der älteren Brüder meiner Mutter überlebten das nicht. Weil meine Mutter das Baby war, bekam sie am meisten zu essen. Man kann sich kaum vorstellen, was ihre Eltern durchgemacht haben müssen, wenn sie zu entschieden hatten, welches Kind die wenige vorhandene Nahrung bekommen und welches hungern sollte.

Die Nazis trieben mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Griechenlands zusammen und deportierten sie in die Todeslager. Die meisten Menschen aus der Gemeinde meiner Mutter kamen um. Nach dem Krieg wollten meine Großeltern und ihre drei überlebenden Kinder Griechenland verlassen und in die Vereinigten Staaten ziehen. Die griechische Regierung ließ sie aber nicht gehen, sondern stahl ihnen stattdessen die Entschädigungsgelder aus Deutschland. Irgendwann wurde meine Großmutter dann den Behörden dermaßen lästig, dass man sie endlich auswandern ließ. Die „Jewish Federation“ sponserte ihre Immigration. Sie siedelten sich in Amerika an, als meine Mutter ungefähr acht Jahre alt war. In den USA wurde sie von anderen Kindern „Christusmörder“ genannt, noch bevor sie auch nur wusste, wer Jesus überhaupt war.

Obwohl die Familie meiner Mutter nicht besonders religiös war, wusste ich aufgrund von Mutters Erfahrungen, dass wir Juden waren. Als Kind freute ich mich darüber, Jude zu sein; aber ich fürchtete auch die Möglichkeit eines zweiten Holocaust. Ich besuchte eine christliche Schule mitten in einer jüdischen Gegend und empfand mich dort stets als “Alibi-Jude”. Ich fühlte mich abgesondert; jedermann erwartete von mir, dass ich die hebräische Bibel besser kennen müsste als irgendein anderer. Eines Tages warf ein Kind auf dem Schulweg ein Schinkenbrot aus dem Busfenster, als wir gerade durch die jüdische Wohngegend fuhren. Ich war entsetzt. Schließlich wusste ich, was meine Mutter durchgemacht hatte; dadurch reagierte ich wohl besonders sensibel auf solche Dinge. Aber ich versteckte meine jüdische Identität nicht. Es war mir sehr kostbar, mit der Familie meiner Mutter Passah feiern zu können. Ich habe gute Erinnerungen an besondere Ereignisse – etwa daran, wie ich an den Hohen Feiertagen mit meiner Tante zur Synagoge ging.

Ich halte es für wichtig, dass wir uns an die Geschehnisse des Holocaust erinnern und versuchen, eine Wiederholung dieser Ereignisse zu verhindern. Wir haben eine sehr schmerzhafte Lektion darüber gelernt, wie schrecklich Menschen einander behandeln können. Der Holocaust hat die unglaublich sündige Wesensart der Menschheit zur Schau gestellt und uns gezeigt, wie dringend wir die Vergebung Gottes brauchen. Bis die Menschheit mit Gott versöhnt ist, wird ein neuer Holocaust immer möglich bleiben. Meine Mutter konnte durch Jesus ihre persönliche Versöhnung mit Gott erlangen.