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Rahel Hirshenson Landrum – Tochter von Sami Hirshenson

Ich erinnere mich: Als ich zehn Jahre alt war, fand und las ich (mit Tränen in den Augen) einen Bericht, den mein Papa für die rumänische Polizei verfasst hatte. Darin schilderte er, was er und seine Familie in den Pogromen und im Zweiten Weltkrieg durchmachen mussten. Damals kam ich zum ersten Mal mit dem in Kontakt, was meinem Vater im Holocaust widerfahren war. Ich fragte ihn nie danach, und er erwähnte es mir gegenüber niemals. Alles, was ich darüber weiß, habe ich erst nach seinem Tod von meiner Mutter gehört.

Mein Vater Sami Hirshenson kam 1923 in Bukarest (Rumänien) zur Welt. Er war 18 Jahre alt, als die rumänischen Behörden alle Juden zwangen, ihre Arbeitsstellen aufzugeben. Er verlor seine Anstellung in einem großen Elektrogeschäft, das Haus seiner Eltern wurde verwüstet, alles wurde zerstört und die Wertgegenstände wurden von rumänischen Söldnern gestohlen. Nicht lange danach wurde er in ein Zwangsarbeitslager nach Moldawien gebracht. Zusammen mit den anderen Juden wurde er gezwungen, Gräben für die Nazis auszuheben. Wenn sie ihr Soll an Gräben nicht erfüllten, wurden sie strengstens bestraft, geschlagen und zu Tode gefoltert. Vater war jung und konnte arbeiten; aber älteren Menschen fiel es zu schwer, ihr Tagessoll zu erfüllen. Also halfen ihnen jüngere Leute wie mein Vater.

Sie bekamen sehr wenig zu essen. Meistens standen sie kurz vor dem Verhungern. Eines Tages fand jemand einen Weg aus dem Lager und schlich auf die benachbarten Bauernhöfe, um Nahrung zu stehlen. Mein Vater und seine Freunde schlossen sich ihm bald an. Das gestohlene Essen befähigte sie zum Durchhalten. Einer von Vaters Freunden lehnte es höflich ab, an diesen Diebstählen teilzunehmen. Er erzählte meinem Vater, dass Jesus der jüdische Messias ist und zum jüdischen Volk gekommen war. Vater wusste, dass dieser Mann genauso hungerte wie alle anderen; doch sein Glaube ließ es nicht zu, dass er am Nahrungsdiebstahl teilnahm. Also bot Vater ihm etwas von dem Essen an, das er selber geraubt hatte. Sein Freund lehnte erneut ab. Das beeindruckte meinen Vater sehr. Nach mehr als einem Jahr im Arbeitslager wurde er entlassen. Einer seiner Freunde fasste den Entschluss, das Land zu verlassen und nach Israel zu gehen. Nicht lange nach seiner Auswanderung hörte Vater, dass er in Israel bei einer Minenexplosion auf einer Brücke ums Leben gekommen war. Daraufhin schob Vater seine eigenen Auswanderungspläne nach Israel erst einmal auf. Er zog schließlich nach seiner Hochzeit dorthin, als ich ungefähr im Bat-Mitzwa-Alter war. Meine Mutter kam zum Glauben an Jesus, als ich 16 war. Mit 18 Jahren wurde auch ich an Jesus gläubig, nachdem ich die messianischen Prophetien in der hebräischen Bibel gelesen hatte. Auch mein Vater wurde noch an Jesus gläubig – sechs Monate, bevor er 1988 an Leberkrebs starb.

Noch heute fällt es mir schwer, an Vater zu denken, ohne emotional zu werden. Doch als Kind eines Holocaust-Überlebenden spüre ich, dass ich um anderer Menschen willen über ihn reden und seine Geschichte erzählen muss. Man kann sich nur schwer vorstellen, warum diese Dinge überhaupt geschehen durften. Viele jüdische Menschen sagen: „Niemals mehr werden wir zulassen, dass uns dies geschieht.“ Das Problem ist, dass wir das Verhalten anderer Menschen nicht kontrollieren können. Tatsache ist: Es kann durchaus wieder geschehen. Darum können wir uns nicht auf unsere eigene Kraft verlassen. Wir müssen der Kraft Gottes vertrauen, der fähig und willens ist, uns zu halten, und der seine Verheißungen niemals bricht.

Ich denke oft an diesen ersten Juden, der meinem Vater inmitten der schrecklichen Zustände im Zwangsarbeitslager von der Liebe des Messias erzählte. Ich erinnere mich an den Frieden auf Vaters Gesicht, als er im Krankenhausbett lag und vierzig Jahre später endlich auf diese Liebe geantwortet hatte. Einer seiner Lieblingsverse in der Bibel lautete: „Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Mächte, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die [im Messias] Jesus ist, unserem Herrn“ (Römer 8,38-39).