blank

Rich Robinson—Jesus in der jüdischen Kunst

Unter den jüdischen Historikern unserer Tage ist es in Mode gekommen, Jesus – diesen umstrittenen Juden – in einem günstigen Licht zu präsentieren. Dennoch: In der jüdischen Kunst und Literatur bleiben Jesus-Darstellungen eine Seltenheit.

Sicher, die Begegnung zwischen Juden und Christen, zwischen der Welt der Juden und der fremden Welt der Heiden kommt in der jüdischen Literatur vor. Wenn das Thema auf diese Weise behandelt wird, geht es meist um die Versuchungen der Assimilation; die Person Jesu und seine Bedeutung für heutige jüdische Menschen wird dabei allerdings kaum jemals angesprochen.

In neuerer Zeit jedoch haben zwei berühmte jüdische Künstler zu erkunden gewagt, was Jesus fürs jüdische Volk bedeutet; einer davon war Maler, der andere war Schriftsteller. Man sagt, die Haltung der jüdischen Gemeinschaft Jesus gegenüber habe sich verändert. Die Jesus-Darstellungen durch den französischen Maler Marc Chagall und den jiddischen Autor Sholem (Schalom) Asch jedenfalls konfrontieren die jüdischen Menschen unserer Tage eindrücklich mit der Notwendigkeit, sich selber als Einzelpersonen über Jesus (Jeschua) Gedanken zu machen.

Erkunden wir doch einmal die Welt dieser beiden Künstler des 20. Jahrhunderts.

Marc Chagall ist vielleicht am besten für seine Buntglasfenster bekannt, welche die zwölf Stämme Israels darstellen. Einige Leser denken beim Namen Chagall an Bilder von auf dem Kopf stehenden Kühen oder an vielfarbige, Picasso-ähnliche Szenen aus dem Leben im Stetl. Möchte man das Gesamtwerk dieses Meisters überblicken, so muss man die Vielseitigkeit der von ihm behandelten Themen in Betracht ziehen: seine eigene Heimatstadt Vitebsk in Russland, die Leiden des jüdischen Volkes sowie eine Auswahl biblischer Themen. Im vorliegenden Artikel möchten wir uns jedoch allein auf diejenigen Gemälde konzentrieren, die Jeschua zum Zentrum haben.

Chagalls “Jeschua”-Gemälde entfallen auf zwei Kategorien. Zunächst ist von den Kreuzigungs-Szenen zu sprechen. Es kostete Chagall viel Mut, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das in der Gedankenwelt so vieler Juden mit Verfolgung in Verbindung gebracht wird. Auf den fraglichen Leinwänden fällt uns durchs Umfeld auf, dass Jeschua als praktizierender Jude dargestellt wird. Doch mehr noch: Der gekreuzigte Jeschua dient als Symbol für die gemarterten Juden überall, insbesondere aber für die Opfer des Holocaust. Auf diesen Gemälden findet sich nicht einmal die leiseste Andeutung dafür, dass er etwas andres sein könnte als das bestmögliche Symbol für jüdisches Leiden.

Franz Meyer, Verfasser einer Standard-Biografie Chagalls, beschreibt das Gemälde “Die Weiße Kreuzigung”. Er bezeichnet dieses Werk als “das erste Bild in einer langen Reihe von Kreuzigungsdarstellungen”. Meyer schreibt:

Trotzdem aber Christus die Mitte einnimmt, handelt es sich keinesfalls um ein christliches Bild. […] Der Gekreuzigte trägt um die Lenden ein Tuch, das dem jüdischen Gebetsschal mit dem doppelten, schwarz eingewebten Streifen gleicht, und zu seinen Füßen brennt […] der siebenarmige Tempelleuchter. Aber vor allem ist das Verhältnis dieser Christusgestalt zur Welt ein ganz anderes als auf allen christlichen Kreuzigungsbildern. […] [Dort ist] alles Leiden bei Christus, ihm schon übergeben, damit er es in seinem Opfer überwinde. Hier aber spiegelt sich zwar alles Leiden der Welt im Geschehen am Kreuz. Aber es bleibt fortdauerndes menschliches Schicksal und wird durch Christi Tod nicht aufgehoben.

Derselbe Typus eines jüdischen, aber nicht-messianischen Jesus zeigt sich auf der “Kreuzigung in Gelb”. Hier zeigt uns Chagall den “Gekreuzigten, den die Tefillin auf dem Haupt und die Gebetsriemen am Arm nachdrücklich als Juden kennzeichnen”.

In der zweiten Kategorie von “Jeschua-Gemälden” fügt Chagall tatsächlich noch eine messianische Bedeutung hinzu. Sidney Alexander kontrastiert diese Vorgehensweise mit der Märtyrer-Bildsprache früherer Werke:

In den Werken des letzten Vierteljahrhunderts […] kann man von den Kreuzigungen wohl kaum noch behaupten, sie stünden ausdrücklich für die Leiden der Juden. […] Chagall betrachtet Jesus als einen der großen jüdischen Propheten – er hat das bei mehreren Gelegenheiten ausdrücklich gesagt, und sein Sohn David hat es mir bestätigt –, und diese Betrachtungsweise lässt sich mit der Geschichte und auch mit einer gewissen Spielart des liberalen jüdischen Glaubens durchaus in Einklang bringen; aber wenn er in den Hintergrund von “Jakobs Traum” und der “Erschaffung des Menschen” (beide Bilder in Nizza) eine Kreuzigung setzt, dann suggeriert er dem Betrachter eine christliche Erfüllung altjüdischer Prophezeiungen.

Weiter spricht Alexander von Chagalls “Absicht, ‚universale’ Symbole zu gestalten”.

Tatsächlich glaubte Chagall, so weit man weiß, nicht an Jeschua als den Messias. Doch von einem in westlicher Sakralkunst geschulten Maler wie Chagall ist auch zu erwarten, dass er sich der christlichen Auffassung von einer Vorschattung des Lebens Jesu in den Themen des Tenach nur allzu bewusst war. In der Tat schien er dem ungebrochenen Zusammenhang zwischen dem so genannten Alten und Neuen Testament wohlwollend gegenüberzustehen. Diese Kontinuität ist auf Gemälden wie “Die Opferung Isaaks” recht dramatisch sichtbar; dort sieht man Jeschua, das Kreuz tragend, im Hintergrund der Akedah [hebr. Name für die Opferung Isaaks, Anm. d. Übers.]. Außerdem ist Abraham von der roten Farbe bedeckt, die von der Kreuzigungsszene in der oberen rechten Ecke des Gemäldes herabströmt und auf reichhaltige Weise Blut suggeriert. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ist Blut das Mittel, womit Gott die Sühne für Sünde schafft. Somit wird die Akedah nicht nur mit der Kreuzigung vereinigt; es findet sich auch die Andeutung, dass hier Jesu Tod als Sühne zugegen ist. Wenn man bedenkt, dass dieses “Opferungs-Gemälde” zu einer Bilderserie mit dem Titel “Biblische Botschaft” gehört, wird offensichtlich: Chagall hatte die Assoziation der Bilder verstanden. Und wie es auf Werke der hohen Kunst so zutrifft, gehen solche Gemälde weit über sich selbst hinaus. Für die jüdischen Menschen der heutigen Zeit werfen sie die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den Testamenten auf.

Dieselbe Bildsprache “Isaak-Christus” findet auch noch anderswo Verwendung. Folgendes schreibt Ziva Amishai-Maisels über die Tapisserie “Exodus”, die zurzeit in der Knesset in Jerusalem hängt:

In einem christlichen Umfeld wäre diese Kombination akzeptabel, wobei Isaak eine Vorschattung auf Christus darstellt, die Opferung eine Prophetie auf die Kreuzigung. In der Knesset wäre eine derartige Kombination nicht akzeptabel gewesen, und man hatte Chagall davon abgeraten. Doch der persönliche Glaube des Künstlers an Christus als das vollkommene Symbol des leidenden Juden ließ sich nicht so einfach zum Schweigen bringen. […] Christus tritt nicht in Erscheinung; doch der auf dem Altar liegende Isaak hat die Arme in Kreuzform weit ausgebreitet […] ganz anders als Isaaks frühere Haltung in ähnlichen Szenen.

Doch nochmals: Auf solchen Gemälden muss mehr in Jesus gesehen werden als lediglich ein Symbol des leidenden Juden. Chagall ist sich der Verbindung bewusst, die in der christlichen Denkweise zwischen Isaak und Christus besteht. Solche Verbindungen werden in Tapisserien wie “Die Prophetie Jesajas” offenkundig, wo Chagall nicht den gekreuzigten Christus, sondern das Jesuskind darstellt:

In [gewissen] Werken hatte er die alttestamentlichen Themen, die seinen Hauptgegenstand bildeten, neben verwandte Episoden aus dem Neuen Testament gestellt – im Versuch, die beiden Testamente miteinander zu vermengen und eine Kontinuität zwischen ihnen zu suggerieren. Aus diesem Grunde hatte er seinen Darstellungen der Opferung Isaaks einen kreuztragenden Christus hinzugefügt; in der Theologie der Christen ist diese Opferung eine Vorwegnahme der Kreuzigung. Dies ist auch der Grund, warum er [auf seinem Jesaja-Wandbild] eine Madonna mit Kind in die Ecke eben jener Prophetie gemalt hat, die Christen auf die Geburt Jesu beziehen.

Doch weit von jeder traditionellen evangelischen oder katholischen Darstellung der Mutter mit dem Kind sieht man über der Gestalt “einen Mann, der einen Mohel [Beschneider, Anm. d. Übers.] vermuten lässt. Die Beifügung einer solchen Gestalt tendiert dazu, die jüdische Identität des Kindes zu betonen, das diese Frau geboren hat […] da Jesus beschnitten wurde.”

Chagalls Werk rief nicht immer nur positive Reaktionen hervor. Als S. L. Shneiderman 1977 einen Artikel für die Zeitschrift “Midstream” verfasste, regte er sich besonders darüber auf, dass Chagall Aufträge für Buntglasfenster in mehreren französischen Kathedralen akzeptiert hatte, wobei er einige von genau diesen Motiven verwendete:

Trotz einiger Bedenken konnten jüdische Menschen mit der Zeit sogar seine Christus-Motive als Symbole für das Martyrium der Juden durch die Zeitalter akzeptieren. […] Aber die Jesus-Motive, die Chagall in die Kathedralen eingebracht hat, zeigen überhaupt gar keine Verbindung mit jüdischer Martyriologie. Sie sind nicht mehr und nicht weniger als bloße Illustrationen der Geschichte, die in den Evangelien erzählt wird.

Shneiderman zitiert die französische Autorin Raissa Maritain: “Mit sicherem Instinkt zeigte er in einem jeden seiner Christus-Gemälde die unzerstörbare Verbindung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Das Alte Testament war der Vorbote des Neuen, und das Neue Testament ist die Erfüllung des Alten.” Missbilligend fährt Shneiderman fort: “Chagall erhob nie Einspruch gegen […] Madame Maritains Interpretation; [sie wurde] zwei Jahrzehnte später in den Katalog der größten retrospektiven Ausstellung seiner Werke aufgenommen.”

Weiterhin überliefert Shneiderman die Anekdote von einem Gespräch des jiddischen Dichters Abraham Sutzkever mit Chagall (veröffentlicht in der jiddischen Zeitschrift “Di Goldene Keit” aus Tel Aviv [Nr. 79-80, 1973]):

Später erfuhr ich in Paris, dass Chagall auch den Oberrabbiner von Frankreich um Rat gefragt hatte [betr.: ob er ein Werk für eine Kirche in Venedig malen solle]. Der Oberrabbiner […] hatte Chagall ganz einfach geantwortet: ‚Alles hängt davon ab, ob Sie daran glauben oder nicht.'”

Leider ist Shneiderman nicht allzu glücklich über die Möglichkeit, dass Chagall vielleicht doch daran glauben könnte. Ob nun Chagall daran geglaubt hat oder nicht, ist für uns derzeit nicht die Frage. Doch im Kaleidoskop dieser großen Auswahl an “Jeschua-Gemälden” wirft seine Kunst eine Frage an uns auf: Glauben wir daran? Und wenn nicht, warum nicht? Die traditionelle Antwort – “Juden glauben ganz einfach nicht an Jesus” – kann uns nicht mehr so locker von der Zunge gleiten: nicht, wenn wir einmal über die Werke Chagalls nachdenken, der von vielen als größter jüdischer Künstler des 20. Jahrhunderts angesehen wird.

Wenn auch Chagall unter zeitgenössischen jüdischen Malern fast der einzige ist, der das Thema “Jeschua” erkundet hat, so befindet sich Sholem Asch in einer großen Gesellschaft jiddisch- und hebräischsprachiger Autoren des 20. Jahrhunderts. Dazu gehören etwa der Dichter Uri Avi Greenberg und die Schriftsteller Avigdor Hameiri, Aharon Abraham Kabak sowie der Nobelpreisträger Samuel Joseph Agnon. Doch zumindest in den USA ist Asch am bekanntesten. Auf jeden Fall hat seine “christliche” Roman-Trilogie – “Der Nazarener” (1939), “Der Apostel” (1943) und “Maria” (1949) – mehr Kontroversen hervorgerufen als irgendein Schriftstück der anderen oben erwähnten Autoren. Diese Werke sind von hitzigen Debatten umgeben; und doch bilden sie nur einen kleinen Prozentsatz im Gesamtschaffen Aschs, worin sich ein Großteil mit traditionelleren jüdischen Themen beschäftigt.

In den Romanen geht es nacheinander um Jesus (der seinen hebräischen Namen “Jeschua” trägt), um Paulus und schließlich um Maria (die ebenfalls bei ihrem ursprünglichen Namen genannt wird und “Mirjam” heißt). Auf die Veröffentlichung von “Der Nazarener” folgte ein regelrechter Ausbruch von Kontroversen. Laut Ben Siegel, Autor der einzigen verfügbaren englischen Asch-Biografie, lag das nicht einmal so sehr am behandelten Thema als vielmehr am Zeitpunkt der Veröffentlichung; schließlich erschien das Buch erstmals 1939. Doch im Lichte dessen, was Asch selber über seinen Glauben schreibt, könnte er die Veröffentlichung eines jüdischen Buches über Jesus durchaus als Weg zur Überbrückung der Gräben zwischen Juden und Christen gesehen haben – und zwar zu einer Zeit, in der eine solche Brücke gebraucht wurde. Die Beliebtheit von “Der Nazarener” war unbestritten. Inzwischen vergriffen, “könnte [dieses Buch] in den zwei Jahren nach seiner Veröffentlichung von zwei Millionen Amerikanern gelesen worden sein”. Asch selber bietet eine Erklärung dafür, warum er “Der Nazarener” geschrieben hat:

Ich konnte einfach nicht anders, als über Jesus zu schreiben. Seit ich ihm zum ersten Mal begegnet bin, hält er meinen Geist und mein Herz fest. Wissen Sie, ich bin an der Grenze zwischen Polen und Russland aufgewachsen. Das war nicht gerade der günstigste Ort der Welt für einen Juden, um sich hinzusetzen und eine Lebensgeschichte Jesu Christi zu schreiben. Doch sogar in all jenen Jahren faszinierte mich die Hoffnung, genau das zu tun. Denn für mich ist Jesus Christus die herausragendste Persönlichkeit aller Zeiten und aller Geschichte, sowohl als Gottessohn wie auch als Menschensohn. Alles, was er jemals gesagt oder getan hat, hat für uns heute einen Wert; und das kann man von keinem anderen lebenden oder toten Menschen behaupten. Da gibt es keinen leichten Mittelweg für einen Spaziergang. Entweder nehmen Sie Jesus an – oder Sie lehnen ihn ab. Mohammed und […] Buddha können Sie analysieren; versuchen Sie das nicht mit Jesus! Entweder Sie nehmen ihn an, oder Sie lehnen ihn ab.

Diese Bemerkung kam, wohlgemerkt, aus dem Munde eines Mannes, der selber die Grundsätze des Christentums nicht angenommen hatte. Dennoch stimmt seine Darstellungsweise Jesu voll und ganz mit dem jüdischen Hintergrund der Botschaft im Evangelium überein. Hier folgt ein typischer Abschnitt aus “Der Nazarener” – basierend auf einer Szene im Lukas-Evangelium, wo Jeschua in der Synagoge von Kapernaum auf die Bimah gerufen wird, um den Sabbat-Abschnitt vorzulesen [Bimah = Art Kanzel oder Vorlesepult in Synagogen, Anm. d. Übers.]. Im Interesse der Platzeinsparung haben wir den Abschnitt gekürzt (er ist eigentlich mehrere Seiten lang). [Der Text wurde aus dem amerikanischen Original des vorliegenden Artikels übertragen und stützt sich nicht auf die offizielle deutsche Übersetzung des Romans von Paul Baudisch (1987 und 1957, Diana Verlag AG, Zürich).]

Dann kam der unvergessliche Augenblick, als wir dem Rabbi aus Nazareth das erste Mal begegneten.

Die Gegenwart des Nazareners war zu jener Zeit schon weit und breit bekannt; und das Wunder, welches er am Teiche gewirkt hatte, sorgte für viele Streitgespräche und Meinungsverschiedenheiten, besonders unter den Gelehrten; denn er hatte den Kranken an einem Sabbat geheilt. Als die Nachricht von seiner Anwesenheit sich unter uns ausbreitete, wurde das Geflüster zu einem lauten Getuschel der Neugierde. Wie bei der Vorlesung in seinen Tallit gehüllt, bestieg er die Kanzel. […] Seine Lippen regten sich, doch es war ein stilles Gebet. Dann näherte er sich dem Diensthabenden, der die Torah-Rolle hielt. Er erhob sie und setzte sich auf den “Stuhl des Messias”, welcher in die Kanzel hineingebaut ist und bei Gerichtsverhandlungen vom Vorsitzenden eingenommen wird. Und mit der Rolle des Gesetzes in seinem Schoß begann er seine Predigt. […] [Er] handelte nicht wie andere Rabbis: Er stand nicht aufrecht vor der Gemeinde, während er predigte. Vielmehr setzte er sich auf dem Richterstuhl nieder und hielt die Torah auf seinem Schoß, als sei er ein König. […]

[Wir] nahmen nun war, dass hier ein Rabbi vor uns saß, der ganz anders war. In der Tat war er gar kein Rabbi; er war tausendmal höher als ein solcher. Wer konnte ihn ermessen? Befanden wir uns vielleicht gar in Gegenwart der höchsten jüdischen Hoffnung? Denn jetzt hörten wir Worte, wie sie nicht einmal von Mose am Sinai gesprochen worden waren. Wer war es, der da vor uns saß, mit der Rolle des Gesetzes auf seinem Schoße? Unsere Herzen begannen im Schrecken zu schmelzen, und unsere Knie bebten. Mit entsetzten Augen blickten wir einander an. Wir wussten nicht: Würde Gott uns sogleich zu den Pforten des Himmels erheben und dieselbigen weit aufstoßen, um uns das Leuchten jener Macht erblicken zu lassen, nach welcher unsere Herzen so lange gehungert hatten? Oder würde er uns sogleich in den Abgrund schleudern?

Über sich selbst begann er zu sprechen, als sei er Träger der allerhöchsten Autorität. Er sprach von unserer ewigen Erwartung der Hilfe; er forderte uns auf, mit gegürteten Lenden vorbereitet zu stehen und auf unserem Posten zu wachen. “Lasst eure Kerzen stets entzündet sein. Jeden Augenblick mag es mit den Blitzen des Himmels herabkommen.”

“Israel, bist du nicht Gottes geliebtestes Erbteil? Jenes Feld, welches die Erstlingsfrüchte trägt? Der Weinstock, dessen Frucht zum Tisch des Heiligen Hauses getragen wird? Wer hat denn dann deine Furchen mit Steinen besät, sodass der Pflug an ihnen zerbricht und stumpf wird?”

Ungeduld ergriff die Anbeter. Sie riefen: “Sage uns, wer du bist!”

Tatsächlich merkt Siegel an, für Asch sei “das Christentum der Gipfelpunkt jüdischen Denkens; seine Rituale und Vorstellungen sind in jüdischen Ideen und Praktiken verwurzelt.” Diese Sichtweise findet später in “Der Apostel” und danach in “Maria” erneut ihren Ausdruck. Durch Abfassung dieser drei Romane zog Asch sowohl übelste Schmähungen als auch höchstes Lob auf sich. Die wohl härteste Kritik kam von Herman (Chaim) Lieberman in seiner 1953 veröffentlichten Schrift “The Christianity of Sholem Asch: An Apraisal from the Jewish Viewpoint”. Lieberman war so negativ, dass Asch sogar von solchen verteidigt wurde, die sich gar nichts aus den drei Romanen machten (so etwa Samuel Sandmel). Andere reagierten eher so wie der jiddische Kritiker Samuel Niger, welcher “Der Nazarener” als “die größte Errungenschaft Aschs” bezeichnete.

Wenn man dieses beträchtliche Aufsehen anschaut, ist es höchst aufschlussreich, was Asch selber über seinen persönlichen Glauben geschrieben hat. In seinem 1941 veröffentlichten Werk “What I Believe” spricht er sich über seine Ansichten zur Messianität Jesu sehr deutlich aus. [Anm. d. Übers.: Dieser Essay erschien im Jahre 1941 bei Putnam in New York und sollte nicht mit dem Werk “Woran ich glaube” des gleichen Autors verwechselt werden, das bereits 1932 in deutscher Übersetzung verlegt wurde.] Asch schreibt:

Das erste Kommen des Messias geschah nicht für uns, sondern für die Heiden. Dies muss meinem Glauben nach die Schlussfolgerung derjenigen sein, die sämtliche Erinnerungen an die uns zugefügten Qualen abschütteln und die Bedeutsamkeit jener moralischen Beiträge zu schätzen wissen, welche das Christentum in der Welt geleistet hat. Dies hat man mit Gamaliel zu empfinden, welcher beim Prozess um Simon sagte: “Wenn dies das Werk von Menschen ist, so wird es untergehen; ist es jedoch das Werk Gottes, so könnt ihr es nicht vernichten, damit ihr euch nicht im Krieg gegen Gott wiederfindet.” Ist dies also von Gott, so ist es nach meinem Glauben nicht aus Menschenmacht erschaffen worden, sondern aus der Macht der Autorität; und wenn diese Autorität nicht für uns Juden ist, so ist sie doch gewisslich für die Nationen der Welt, die dadurch ihrem Vater im Himmel näher gebracht worden sind.

Und wenn wir ihn in diesem Lichte sehen, so beugen wir unser Haupt vor ihm, wie wir es vor einem jeden unserer Propheten tun.

Und was das zweite Kommen angeht – ich spreche vom Kommen des Messias –, so erwarten wir es gemeinsam mit der gemarterten Welt.

Interessanterweise stammt Aschs Gamaliel-Zitat aus dem neutestamentlichen Buch der Apostelgeschichte. Und der von ihm angeführte Grund dafür, dass das jüdische Volk die Autorität Jeschuas nicht akzeptieren könne, lautet: “Die Juden waren [bereits] durch die Autorität gebunden, die Mose auf dem Sinai verliehen worden war.”

Diese beiden jüdischen Künstler, Chagall und Asch, mögen uns mit ihrem Pinsel bzw. ihrer Feder dazu herausfordern, einmal selber über die Frage nachzudenken: Ist Jeschua der verheißene Messias? Und wenn ja, was sollten wir dann deswegen tun?

Endnoten

  1. Franz Meyer, Marc Chagall: Leben und Werk (Verlag M. DuMont Schauberg, Köln, 1961), S. 416.
  2. Meyer, a.a.O., S. 448.
  3. Sidney Alexander, Marc Chagall: Eine Biographie, übers. v. Kurt Schwob (Kindler Verlag GmbH, München, 1984), S. 423-424.
  4. Alexander, a.a.O., S. 425.
  5. Ziva Amishai-Maisels, Tapestries and Mosaics of Marc Chagall at the Knesset (New York: Tudor), S. 47. [Dieses Werk liegt unseres Wissens nicht in deutscher Sprache vor. Das hier angeführte Zitat wurde (genau wie die beiden folgenden Zitate aus derselben Quelle) vom Übersetzer aus dem amerikanischen Original des vorliegenden Artikels übertragen.]
  6. Amishai-Maisels, a.a.O., S. 79. [zur Übersetzung s. oben]
  7. Amishai-Maisels, a.a.O., S. 81. [zur Übersetzung s. oben]
  8. S. L. Shneiderman, Chagall – Torn?, Midstream, Juni-Juli 1977, S. 49. [Dieser Artikel liegt unseres Wissens nicht in deutscher Sprache vor. Das hier angeführte Zitat wurde (genau wie die beiden folgenden aus derselben Quelle) vom Übersetzer aus dem amerikanischen Original des vorliegenden Artikels übertragen.]
  9. Shneiderman, a.a.O., S. 53. [zur Übersetzung s. oben]
  10. Shneiderman, a.a.O., S. 62. [zur Übersetzung s. oben]
  11. Ben Siegel, The Controversial Sholem Asch: An Introduction to His Fiction (Bowling Green University Popular Press 1976), S. 143. [Dieses Werk liegt unseres Wissens nicht in deutscher Sprache vor. Das hier angeführte Zitat wurde (genau wie die drei folgenden Zitate aus derselben Quelle) vom Übersetzer aus dem amerikanischen Original des vorliegenden Artikels übertragen.]
  12. Siegel, a.a.O., S. 148. Zitat aus einem Interview mit Asch, geführt von Frank S. Mead, veröffentlicht in der Zeitung “The Christian Herald”, 1944. [zur Übersetzung s. oben]
  13. Siegel, a.a.O., S. 162. [zur Übersetzung s. oben]
  14. Sholem Asch, What I Believe, übers. [aus dem Jiddischen ins Englische] v. Maurice Samuel (New York: Putnam, 1941), S. 115. [Dieses Werk liegt unseres Wissens nicht in deutscher Sprache vor. Das hier angeführte Zitat wurde (genau wie das nachfolgende aus derselben Quelle) vom Übersetzer aus dem amerikanischen Original des vorliegenden Artikels übertragen.]
  15. Asch, a.a.O., S. 110. [zur Übersetzung s. oben]